Paadorf im Kirchspiel Waier

Das 1 1/2 km von Oberhütten in südöstlicher Richtung gelegene Paadorf war einst ganz von Wald umschlossen und bildete eine lange Häuserreihe vom Bächlein in der Bärenlohe in Richtung Neid über die Höhe ins Tal des Graubächleins in Richtung bayerische Grenze.

Die Ortsgeschichte ist zwar kurz, doch nicht uninteressant. Der Grund, auf dem Paadorf einst stand, gehörte früher zu Bayern. Beim Grenzregulierungsvertrag vom 9. Dezember 1707 wurde er jedoch, damals noch mit Wald bewachsen, samt den Dörfern Steinlohe und Grafenried dem österreichischen Kronland Böhmen zugesprochen. Da es jedoch zwischen den bayerischen Nutzungsberechtigten und dem Herrschaftsbesitzer von Wiedersberg auf Muttersdorf dauernd Streitigkeiten gab, wurde die Grenze im Hauptgrenzvertrag von 1765 abermals geändert. Steinlohe kam wieder zu Bayern, Grafenried und der umstrittene Wald blieben bei Böhmen. Den bayerischen Dörfern blieb das Nutzungsrecht (Holz, Streu, Weide) gewahrt. Die Reibereien dauerten jedoch noch 1848 an. Damals fiel der Wald an die neugegründete Gemeinde Schwarzach. Im Jahre 1861 verkaufte der nunmehrige Besitzer Baron Beck im Wege der Grundentlastung den ganzen Wald imAusmaßvon 418Joch an die sieben nutzungsberechtigten Dörfer um 3913 Gulden. Im Jahre 1868 wurde die Verteilung des Waldes an die 76 Eigentümer bewilligt. Die Bewohner des übervölkerten Oberhütten erwarben die Waldteile billig von den Besitzern.

Direktor Johann Micko berichtet über Paadorf in seiner ‹Muttersdorfer Heimatkunde" ziemlich ausführlich recht interessante Einzelheiten.

Auf der Generalstabskarte vom Jahre 1880 wird man das Dorf vergeblich suchen, alles ist noch als Wald angegeben. Mit den Höhepunkten 676 m,705 m und 702 m ist die Lage genau bezeichnet.

Das Dorf erhielt seinen Namen von dem Erbauer der ersten Häuser, von seinem Gründer Wenzel Paa (Weißen Wenzel, geb.1830) aus Oberhütten, der im Jahre 1872 den Waldteil von 21/2 Strich um 100 Guiden von der Herrschaft kaufte. Im Jahre 1874 rodete er die erste Wiese und erbaute eine Scheuer für das Heu. Im Jahre 1875 erbaute er das erste Haus.

Wenzel Paa, von dem in der alten Heimat noch so manche heitere Schmugglergeschichte erzählt wurde, kaufte noch weitere angrenzende Waldstrecken und es wurden Felder und Wiesen gerodet. Er erbaute noch vier Häuser für seine drei Söhne und zwei Töchter. Die Ziegel zum Hausbau erzeugte er selbst. In seiner Natürlichkeit suchte er weder um eine Rodungs- noch um eine Baubewilligung an. Es kamen Kommissionen, Bauverbote, Aufforstungsbefehle und Strafen. Wenzel Paa kümmerte sich nicht darum und rodete und baute weiter. Auf die Frage eines Kommissionsleiters, wie er sich unterstehen könne, aus Wald Felder zu machen, sagte er ruhig: ‹Weil meine Kinder keine Tannenzapfen essen können" und ackerte weiter. Die Gemeinde Schwarzach - Unterhütte stand ihm bei.

Sein Beispiel fand eifrige Nachahmer und Anfang der 1880er Jahre stand schon eine Reihe Häuser. Nun wurde aber die Behörde energisch und befahl die Niederreißung der Häuser und die Anpflanzung mit Waldbäumen. Gegen diesen Auftrag wurde ein Rekurs eingebracht, der bis zum Jahre 1921 noch nicht erledigt war, so daß das Dorf bis zu dieser Zeit eigentlich gar nicht zu Recht bestand.

Die Entwicklung ging weiter,1890 bestanden 6 Häuser, im Jahre 1900 schon 10 Häuser, im Jahre 1910 bereits 16 Häuser und im Jahre 1921 schon 25 Häuser. Es wurden weitere Waldteile von der Herrschaft gekauft, urbar gemacht und Wohnungen gebaut von Leuten aus der ganzen Umgebung.

Ein Gasthaus bestand in dem neugegründeten Paadorf seit 1886, das Dorfglocklein läutete seit 1885, ja es bestand sogar der Plan einer Böhmerwaldkirche.

Infolge der großen Kinderzahl und der schlechten Wegverhältnisse nach Unterhütten wurde im Winter 1921 eine Winter-Expositurschule im Hause des Josef Fleischmann errichtet und im Jahr1923 ineineständige Expositur (Zweigschule) zurdreiklassigen Volksschule Unterhütten umgewandelt.

Lehrer an der Schule in Paadorf waren in den damaligen Jahren Josef Landgraf, Johann Hasl, Richard Benda und Georg Sellner. Seit 1. September 1924 war Wenzel Sehr aus OberSekerschan (Kreis Mies) verheirateter Lehrer in Paadorf. Im Jahre 1925 wurde ein neues Schulhaus gebaut.

Paadorf, das jüngste Dorf des Böhmerwaldes gehörte mit Oberhütten und Unterhütten zur Gemeinde Schwarzach. Eingepfarrt war das Dorf nach Waier. Oft wurde auch die Kirche in Grafenried besucht, weil das entfernungsmäßig derselbe Weg war. Das zuständige Postamt war Böhmisch-Schwarzach, die nächsten Bahnstationen waren Muttersdorf oder Ronsperg, in Bayern Waldmünchen.

Im Jahre 1891 wurde in Paadorf ein Bronzefund gemacht. Bestandteile eines Geschützes, eine Fahnenspitze, Lanze, Hufeisen und Truhenbeschläge. Diese Sachen dürften aus dem spanischen Erbfolgekrieg gestammt haben, wo auch im nördlichen Böhmerwald und in der Oberpfalz damals Kämpfe stattgefunden haben und bei dem im Jahre 1702 an der Grenze gegen Bayern Bäume gefällt und Verhaue angelegt wurden. Bis in die jüngste Zeit vor der Vertreibung hieß die Grenzlinie zwischen den Paadorfer Feldern und dem herrschaftlichen Wald noch ‹der Verhau". Im Jahre 1923 wurde von Oberhütten eine Straße nach Paadorf gebaut. Die Bewohnerzahl von Paadorf ließ sich zur damaligen Zeit (1923) schwer genau ermitteln, weil sie bei den Volkszählungen stets bei Oberhütten inbegriffen war.

Im ersten Weltkrieg waren von Paadorf 38 Mann eingerückt, wovon 7 Mann gefallen sind und zwar Johann Mages und Josef Mages, Anton Paa, Rudolf Eichler, Anton Müller und Michel Müller und Stefan Vogl. Im zweiten Weltkrieg (1939-45) sind von Paadorf 19 Mann gefallen, drei wurden als vermißt gemeldet.

Im zweiten Weltkrieg sind gefallen: Josef Wild, Thomas Sachs, Georg Paa, die Brüder Johann, Karl und Josef Wiedi, die Brüder Leopold und Friedrich Vogl, Josef Paa, die Brüder Karl und Rudolf Müller,Josef Müller wurde beim Einmarschder Amerikaner durch ein Artillerie geschoß getötet und zwar im April 1945. Aus Paadorf sind noch gefallen Josef Bauer I und Josef Bauer II, Michael Hubatsch, Joseàf Paa, Franz Portner, Anton Paa und Johann Vogl. Als vermißt gemeldet wurden Michael Paa, die Brüder Rudolf und Anton Paa.

Als das Dorf schon fast 50 Jahre stand, langte endlich im Jahre 1921 von Prag die amtliche Bewilligung zur Rodung des Waldes ein.

Am 1. Januar 1929 wurde vom Landesschulrat in Prag in Paadorf eine zweite Schulklasse errichtet, nachdem die Kinderzahl bereits auf 76 angestiegen war. Paadorf zählte damals 32 Häuser. Im Jahre 1945 gab es in Paadorf zwei Gasthäuser, eine Flaschenbierhandlung, zwei Kaufläden und einen Bäcker.

Als zweiter Lehrer kam am 1. Januar 1929 Rudolf Womes aus Trohatin nach Paadorf und wirkte dort bis Juni 1930. ImJahre 1931 kam LehrerJohann Ebenhöh ausAmplatz nach Paadorf und als im Jahre 1932 dann die freiwillige Feuerwehr gegründet wurde, so war er der erste Kommandant. Stellvertreter des Kommandanten war Anton Paa (Wogner), ein Enkel des Gründers von Paadorf.

Wahrend des zweiten Weltkrieges wirkten in Paadorf, das dann nur mehr eine einklassige Schule hatte, L…ehrer Erich Axmann und Robert Gleißner aus Haselbach und als diese zur Wehrmacht eingezogen wurden, war als Lehrerin Emilie Beck aus Linz in Paadorf angestellt. Bis zur Aussiedlung unterrichtete Lehrerin Maria Klein aus Wassersuppen in Paadorf. Als Handarbeitslehrerin wirkte jahrelang Berta Frei aus Wassersuppen in Paadorf.

Die fleißige und genügsame, aber trotzdem heitere Bevölkerung von Paadorf war gezwungen, viel auswärts zu arbeiten. Die Männer waren zum Teil im Wald und in der Landwirtschaft tätig, viele gingen aber auch nach Bayern und Sachsen auf die Mauerei. Die weibliche Bevölkerung half in der Landwirtschaft mit, andere gingen während der Kursaison in die Weltkurorte Karisbad und Marienbad. Viele aber koppelten jahreinjahraus Spitzen. Und hier mitten im Wald war auch noch das echte Volkslied in den Rockenstuben daheim. Typisch wäldlerisch klangen einst auch die Flurnamen in Paadorf Wie: Totenkopf, Verhau, Gud'nhau, Lößl, Bärenlohe, Pucherwies Föhren, Pinkat Lößl, Lukaswies, Fixpunkt, Schaferin und andere.

Seit mehr als einem Vierteljahrhundert (1945) ist durch die Vertreibung nun Paadorf verlassen und dem Verfall preisgegeben. Dort wo vor einem Jahrhundert einmal dunkle Walder rauschten, da überwuchert jetzt wieder der heranwachsende Wald die Fluren und das Kapitel über Paadorf in dieser vorliegenden Festschrift soll bei den einstigen Landsleuten einen geschichtlichen Wert hinterlassen, der sie daran erinnert, daß ihre Vorfahren es waren, die einst hier den Wald gerodet und schwer gearbeitet haben und diesem Dorf den Namen ihres Gründers gaben.

Die meisten Häusersind heute schon dem Erdboden gleichgemacht, nur in der Dorfmitte hat man neben dem einstigen Schulhaus ein zweites Gebäude errichtet, als Unterkunft für die tschechische Grenzwache. Wiesen und Felder sind zu einer Steppe geworden, nur das Graubächlein murmelt und rauscht wie einst und der Wald singt sein uraltes, ewiges I ied dazu. Es war einmal.



German-Bohemian Heritage Society

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